Let's go

Von einem Looping hat bestimmt schon jeder Drachenflieger mal geträumt. Ich auch. Aber das wird wohl immer ein Traum für mich bleiben. Was ich aber schon immer machen wollte, ist ein Sicherheitstraining mit dem Drachen. Dazu gehört für mich z.B. das Halten von hoher Geschwindigkeit ohne Gieren, hohe Wingover bis 90 Grad und Trudeln. Ich finde es sehr wichtig, mit dem Fluggerät auch in Extremsituationen vertraut zu sein. Gibt’s so ein Training für Drachenflieger?

Es gibt viele gute Piloten, die extreme Manöver von sich aus machen, ohne Betreuung und über Grund. Ist auch in Ordnung, wenn man es beherrscht. Ich habe schon oft Wingover zu fliegen versucht, aber irgendwie waren die immer zu eckig und links ging es besser und rechts gar nicht. Hohe Geschwindigkeit mit voller VG zu halten ohne zu gieren hat gut funktioniert. Aber das haben wir ja im Wettbewerb oft gemacht.

Nun habe ich vor Jahren erfahren, dass der mehrmalige Gewinner der Acro-Vertigo Heinz Zwyssig am Genfer See/Schweiz ein Sicherheitstraining für Drachen anbietet. Seither ging mir das nicht mehr aus dem Kopf. Ja, das werde ich irgendwann mal machen, wenn ich Zeit dafür habe. Im Winter 2010 habe ich endlich den Anmeldebogen auf der Homepage von Heinz ausgefüllt und mich auf den Termin Anfang Juni 2011 am Genfer See gefreut. Zufällig erfuhr ich, dass zwei Flugkollegen, der Hans und der Schorsch aus Kössen auch mit dabei sind. Gemeinsam fuhren wir an einem Freitag morgen los nach Villeneuve am Genfer See. Irgendwie war ich schon nervös und die Jungs auch. Mal sehen, was uns erwartet. Auf alle Fälle schon mal der Heinz im Cafe am See.

In entspannter Atmosphäre unterhielten wir uns über persönliche Ziele des Trainings. Wir waren fünf Teilnehmer, 4 Männer und ich, die einzige Frau. Hans träumt natürlich vom Looping. Schorsch und ich wären mit perfekten Wingover und mit dem Ein- und Ausleiten beim Trudeln zufrieden. Paul, sage und schreibe 70 Jahre alt, träumt auch vom Looping, spätestens mit 75 sagt er spaßeshalber. Aber in Wirklichkeit möchte er einfach in Übung bleiben. Laurenz fliegt nach langer Starrflüglerzeit wieder einen Flexi-Drachen und möchte extremere Manöver trainieren, um fit im Fliegen zu bleiben.

Heinz befragte uns über unsere Ausrüstung und checkte diese. Ein zugelassener Drachen mit der richtigen Pitch-Einstellung, ein neu gepacktes Rettungsgerät, 2 mm-Unterspannung, Alu-Trapez etc. Es ist auf alle Fälle notwendig, dass die Pitch-Werte hoch sind, erklärt er uns. Für uns kein Problem. Sein Ziel des Kurses ist, dass der Pilot sich bei allen möglichen auftretenden Fluglagen am Drachen sicher fühlt und vor allem richtig darauf zu reagieren weiß.

Am Samstag morgen ging es los. Erst mal zeigte uns Heinz den Bereich über dem See, wo wir unsere Manöver fliegen werden, die sogenannte Box. Heinz wird dort mit einem Taucher und mit einem Boot auf dem Wasser sein. Von dort wird er uns filmen und uns per Funk seine Anweisungen und Tipps mitteilen. Dann Landeplatz-Besichtigung! Groß ist er nicht, der Landeplatz und viele verrückte Gleitschirm-Acro-Piloten sind unterwegs. Na, da muss aber alles passen, volle Konzentration. Mit einer aufblasbaren Banane fürs Untersegel, einer Schwimmweste und wasserdichtem Funk-Equipment ausgestattet, fuhren wir mit dem Shuttle auf den Startplatz, dem Soncheaux. Was jeder von uns vermeiden will, ist eine Wasserlandung, denn das ist mit dem Drachen nicht so prickelnd. Aber falls es doch dazu kommen sollte, gehen wir wenigstens nicht unter. Das Boot mit Heinz und dem Taucher sollte schnellstens da sein. Heinz platziert sich mit seinem Boot schon in der Box am See. Ganze 1.000 m über dem See liegt ein wunderbarer Wiesenstartplatz und wir bauen unsere Geräte auf.

Noch mal alles gecheckt und los geht’s. Schorsch startet als Erster, dann Laurenz und gleich dahinter starte ich raus und fliege Richtung See. Wir sollten mit höherer Geschwindigkeit kleine Wellen fliegen. In der Box angekommen, beschleunige ich auf über 100 km/h und beginne ich mit ein paar Wingover. Na ja, das waren eher Steilkurven aber keine Wingover, meint Heinz sofort am Funk. Die Geschwindigkeit wäre super, aber ich gehe zu früh in die Kurve. Ich sollte die Speedbar langsam und gerade nach vorne kommen lassen und am Schluss die Kurve einleiten. Mit 300 m Resthöhe fliege ich zum Landeplatz und lege eine perfekte Landung hin. Gott sei Dank, den ersten Flug und die erste Anspannung habe ich hinter mir. Paul ging’s wie mir, aber Respekt, eine Landung fast wie Guido Gehrmann und das in seinem Alter. Hans zeigt uns allen gleich mal, wie er trudeln kann und zeichnet ein paar steile Wingover in den Himmel, allerdings sind diese noch sehr eckig. Wir alle fühlen uns nach unserem ersten Vorfliegen ziemlich erlöst. Wir bauen unsere Geräte ab, um die Videoanalyse mit Heinz zu machen. Mit neuen Anweisungen und Tipps fahren wir nochmals rauf auf den Startplatz. Um einiges ruhiger und motivierter starte ich zum zweiten Mal. Dieses Mal geht es viel besser. Die linken Wingover fühlen sich super an und das bestätigt auch Heinz über Funk. Der Übergang zum rechten Wingover haut noch nicht so hin, ein bisschen langsam und eckig, aber wir sind ja zum Üben da. Über Funk hören wir mit, wie Heinz dem Hans erklärt, wie er die Einleitung zum Trudeln besser hinbekommt. Es ist interessant, wenn man einem Piloten in der Luft zuschauen kann und gleichzeitig die Funkanweisungen mitbekommt. Hier lernt man fast am meisten.

Nachdem alle gut gelandet sind, fahren wir in die Flugschule, um die Videos anzuschauen und mit Heinz die einzelnen Manöver zu besprechen. Hier sieht man erst, wie gut oder schlecht man geflogen ist und wie viel man noch zu lernen hat. Beim gemütlichen Abendessen gehen die Diskussionen weiter bis spät in die Nacht.

Mit genügend Motivation und Verbesserungsvorschlägen für den nächsten Flug geht’s am Sonntag früh wieder rauf auf den Berg. In der Mitte vom Berg ziehen Wolken rein, wir müssen uns beeilen. Laurenz zeigt, wie er Trudeln kann. Sieht schon viel besser aus als am Vortag. Paul haben wir ein bisschen tiefer eingehängt, jetzt kann er besser beschleunigen. Schorsch fliegt Vollgas und zeigt uns schöne Wingover. Allerdings ist ihm der Drachen etwas zu groß, da ist es schwierig auf eine hohe Geschwindigkeit zu kommen. Es macht ihm sichtlich Spaß, 1,000 Höhenmeter einfach nur zu verheizen. Jetzt ist es mir auch wurscht, mit 130 Sachen setze ich zum ersten Wingover an. Gerade kommen lassen, hat Heinz gesagt. Ganz oben dann ein bisschen ins Eck gehen – perfekt! Jetzt habe ich selbst gespürt, dass die Manöver gut waren. Es macht so viel Spaß, dass ich fast vergesse, zum Landeplatz abzubiegen. Heinz bestätigt per Funk: “Suprr, schaut guad aus, aber jetzt gemma landen.“ Die Jungs unten sind begeistert: „Boah, geht Dein Drachen schnell und die Manöver waren super.“ Ich bin total happy! Hans fliegt als Letzter und wir sind alle der Meinung, dass er der Beste von uns ist.

Der zweite und letzte Flug bleibt uns an diesem Sonntag versagt, da es bereits nach Regen ausschaut. Wir machen noch eine letzte Videoanalyse und sind uns einig, dass wir im nächsten Jahr wieder dabei sind. Ich empfehle jedem Drachenflieger, an so einem Training teilzunehmen, da dies der perfekten Gerätebeherrschung dient. Es gibt einem Selbstvertrauen, falls man einmal in einen schwierigen Flugzustand kommt. Das Schöne an diesem Training ist, dass niemand zu etwas gezwungen wird. Jeder kann das üben, was er möchte. Und in der Gruppe macht alles doppelt Spaß!

Regina Glas