Soaring bei Ystad/Hammarsbacken - Foto: Stefan Olsson

Meine Flugerlebnisse während eines einjährigen Auslandsstudiums

 Text: Caroline Greiser

„Man kann in Schweden fliegen???“ – Schon wieder ernte ich ungläubige Blicke. Immer wieder passiert mir das bei meiner Geschichte und so schreibe ich sie hier für euch nieder und hoffe damit der Illusion zu begegnen, in Skandinavien sei es zu dunkel, zu kalt, zu einsam oder zu mückig zum Drachenfliegen.

Erst kurz zu mir: Im Frühjahr 2010 bildete mich Martin Ackermann in Altes Lager bei Berlin unter dem Drachen aus. Im Juni hatte ich meinen A-Schein für Winden- und UL-Schlepp in der Tasche und hatte noch nie einen Berg gesehen. Im August ging ich für ein Jahr zum Studieren nach Uppsala/Mittelschweden, nahm mein treues Charly-Gurtzeug mit und bombardierte die Jungs vom Stockholmer Drachenfliegerclub mit Emails.

Man muss wissen, dass es in ganz Schweden nur knapp über 100 Drachenpiloten gibt. Viele sind „alte Hasen“, die nur noch selten und wenn die Bedingungen richtig gut sind zum Fliegen gehen.

Im September durfte ich dann endlich den Mini-Flugplatz „Salanda“, den Schlepp-Piloten Per, Schwedens besten Drachenflieger Andreas Olsson und einen alten Tecma Medium (französischer Einfachsegler) kennenlernen. Von Schlepphilfe oder Startwagen keine Spur. Mein Mut wurde auf die Probe gestellt, aber was tut man nicht alles, um in die Luft zu kommen? Mit freundlicher und kompetenter Unterstützung der anderen Piloten durfte ich im Herbst dann einige Male im schwedischen Himmel umher surfen. Meine ersten Thermikflüge erlebte ich dort und merkte schnell, dass ich im Flachland bei den etwas schwächeren Bedingungen einen Drachen mit mehr Gleitleistung brauchte.

 

Wir schleppten, bis der erste Schnee auf die kleine Wiese fiel. Dann trainierten wir im Winter am Übungshang mitten in Stockholm. Am Granholmstoppen mit Höhendifferenz 50 m ist Soaring für Gleitschirme möglich, den Drachen trägt man allerdings im Schnee mehrmals wieder nach oben. So erwarb ich dann meine „Hangstart-Einweisung“. Außerdem führte ein Stockholmer Drachenlehrer im Winter einen Grundkurs für fünf Schüler durch (Flachschlepp mit einem Tecma Spirale). Dadurch lernte ich auch den Schlepp am Quad auf dem Eis der Stockholmer Schären kennen. Inzwischen hatte ich mir einen gebrauchten Intermediate-Drachen besorgt (Willswing U2), den ich im Winter bei ruhigen Bedingungen einfliegen konnte.

Da die kleinen Räder an der Basis im Schnee nicht viel nützen, entwarfen wir eine Alternativkonstruktion mit Mini-Skiern. Ich blieb so den Winter über in Bewegung, lernte hauptsächlich Drachentragen, schwedische Schlepp-Kommandos und Aerodynamik-Theorie und war dann im Frühling fit für die immer länger werdenden Flüge in guter Frühjahrstermik. Wer es nicht glaubt, schaue sich bei http://rasp.linta.de doch mal die Skandinavien-Karte oder bei www.flightlog.org die Flüge der Schweden an. (Ich selber habe damals meine Flüge noch nicht aufgezeichnet.)

 

Bei der Jahreshauptversammlung in Örebro begegnete ich der zweiten (deutsch-) schwedischen Drachenpilotin Johanna, die momentan den Göteborger Club in Schach hält. Dort wurden wir neben einem Quad auch von einem alten Volvo in die Luft gezogen. In dem Jahr flog ich außerdem noch in Borlänge (nördliches Mittelschweden, UL-Schlepp), nahm in Skånes Fagerhult (Südschweden, UL-Schlepp) an meinem ersten kleinen Wettkampf  teil und soarte das erste Mal in meinem Leben an der südschwedischen Küste bei Ystad (Hammarsbackar) mit Blick auf die Ostsee und gaaaanz in der Ferne meinen Studienort Greifswald.

Bis zum Ende meines Auslandsjahres im Juni 2011 hatte ich in Schweden 40 Flugstunden und über 100 Starts gesammelt (parallel zum Studium, zur Bachelor-Arbeit und zum Hiwi-Job… aber das ist eine andere Geschichte). Das war mehr als ich je zu träumen wagte. Der Preis dafür war allerdings, dass ich fast pleite war und vom sonstigen Studentenfreizeitleben nicht viel mitbekommen hatte. An den Wochenenden sah man mich nur morgens mit großem Rucksack aus dem Wohnheim hinaus schleichen und mit Grasstreifen auf der Hose abends wieder hineinhumpeln.

Natürlich hatte ich auch Glück: Glück, die richtigen Leute zu treffen, Glück, auf der Bahnstrecke zwischen Stockholm und dem Flugplatz zu wohnen und Glück, genau dann Ferien zu haben, als das schwedische Team für die Weltmeisterschaften am Monte Cucco einen Fahrer suchte. So gipfelte meine schwedische Flugausbildung in eine Kleinbus-Reise (über Fiesch/Schweiz nach Sigillo/Italien), bei der ich auch endlich einmal eine Rampe hinunter rannte, Monsterthermik und Minilandewiesen kennenlernte und feststellen musste, dass mein Drachen NICHT der allercoolste der Welt ist… was ich nach dem Umstieg vom Einfachsegler natürlich gedacht hatte :-) .

Manchmal werde ich nach einem Vergleich zwischen Drachenfliegen in Deutschland und in Schweden gefragt, den ich als Anfänger natürlich nicht vollständig aufstellen kann. Es folgen hier daher nur meine persönlichen Erfahrungen.

Das ist anders:

Es gibt nicht die strengen Regeln und Kontrollen wie beim DHV, was bei so wenig Piloten auch kaum Sinn macht und nicht finanzierbar wäre. Viel wird selbst gebastelt und ausprobiert, allerdings mit einem sehr hohen Bewusstsein für die Sicherheit und die Eigenverantwortung. Man gibt seine Geräte nicht zum Check oder seinen Rettungsschirm nicht zum Packen, sondern man führt die Sachen selber und unter der Aufsicht erfahrener Piloten und Fluglehrer durch. Es gibt auch nicht so einen bunten Mix aus Drachenmodellen. Geflogen wird hauptsächlich Aeros und Willswing, weil diese Marken von zwei Händlern vor Ort vertreten sind.

Das ist gleich:

Die Ausbildung ist ähnlich wie in Deutschland aufgebaut. Der A-Schein (elevlicens) erlaubt einem das freie Fliegen am Platz, den B-Schein (pilotlicens) bekommt man nach 15 Flugstunden, 100 Starts, mindestens drei Streckenflügen mit Flugauftrag und einer Theorieprüfung. Haftpflicht- und unfallversichert ist man über den Flygsportförbund.

Thermisch unterscheidet sich die Landschaft in Südmittelschweden nicht großartig vom deutschen Flachland. Felder, Wälder, Wiesen, Wasser- und Siedlungsflächen wechseln sich regelmäßig ab und die Sonne ist ab April stark genug um nutzbaren Auftrieb zu erzeugen. Aufpassen: Große offene Flächen im Wald sind oft Moore und nicht landbar.

Auch in Schweden ist Drachenfliegen eine Randsportart und wird inzwischen weit überholt vom Gleitschirmfliegen. Auch in Schweden ist Drachenfliegen weitgehend Männersport. Und auch dort trifft man die selben verrückten Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Schichten. Auch in Schweden wirken die gleichen aerodynamischen Kräfte und thermischen Auftriebe.Und auch dort gibt es keine Schönwetter-Garantie. (Die gab es allerdings in Sigillo auch nicht.) Und zumindest der südliche Teil von Schweden ist ähnlich besiedelt wie Deutschland. Man kommt bei einer Außenlandung also auch wieder weg, folgt allerdings in einigen Gebieten besser den großen Straßen :-) .

 

Nachtrag 15.7.2012

Danke zunächst für alle eure Kommentare.

Dem Andreas schulde ich noch eine detailliertere Antwort:

Ja, Quadschlepp wird wie Autoschlepp durchgeführt. Feste Seillänge ohne Abrollen und eine Zugkraftregelung am Schleppfahrzeug, das fährt dann einfach schneller oder langsamer.

 

Die Winterkufen sind wie gesagt ursprünglich kleine Mini-Skier. Dort haben wir einen kleinen Holzquader draufgeschraubt, in den wurde eine Aussparung reingeschliffen für die Basis und zw. Holz und Basis haben wir ein Stück Hartgummi befestigt. Fixiert wurde alles mit 2 Mini-Spannriemen. Ganz fest hat man es nicht gekriegt, aber das war ja nur sinnvoll wenn die Kufen etwas Spiel hatten.

Gutes Foto hab ich nicht, aber hier nochmal ein vergrößerter Ausschnitt.

Gruß!

/C