lottes_erster_trikeflug

“Ich fiel gerade von der Slagline als Mama nach mir rief. Heute war der 13.7.13, ein ganz normaler Sommerferientag am Flugplatz. Ich sollte vielleicht noch ein paar Dinge klarstellen, bevor ich richtig mit Erzählen loslege. Ich bin Lotte, 13 Jahre alt und gehe aufs Leibniz-Gymnasium in Berlin. Meine Mutter hat, als ich Fünf war meinen Stiefvater kennen gelernt und ihn 2009 geheiratet. Davor hat sie aber sein Hobby übernommen. Ich glaube ungefähr als ich Sieben war. Nur ist das nicht so ein normales Hobby wie Surfen, Reiten, ein Instrument spielen oder so was, nein sein Hobby ist Drachenfliegen.

In Mamas Lernzeit durfte ich meistens nicht einmal zugucken, damit ich, falls es passieren sollte, nicht miterleben konnte, wie sie verunglückte. Voll übertrieben! Das einzige was ihr je passiert ist, ist, dass sie sich den Arm verstaucht und zwei Jahre in Folge die Bänder am Fuß gerissen hat. Als ich Acht war durfte ich zugucken und mir viel zu oft anhören: „Nächstes Jahr darfst du auch mal mitfliegen“. Ja klar, das habe ich mir dann noch anhören dürfen bis ich Elf war, bloß bot sich plötzlich keine Gelegenheit mehr dazu. Nicht genug Thermik, zu starker Wind, der Wind kommt aus einer ungünstigen Richtung und noch viele weitere Ausreden bekam ich zu hören.

Bevor ich weiter Rede, wisst ihr eigentlich was ein Drachen ist? Ich meine jetzt nämlich nicht diese kleinen Teile die Kinder im Herbst an einer Schnur in die Luft ziehen und auch nicht die Lenkdrachen die von Erwachsenen und Jugendlichen in der Luft zu Kunststücken gezwungen werden. Nee, ich meine die dreieckigen Planen, die über ein Gestell aus Metall gezogen sind und nur mit Menschen zusammen in die Luft gebracht werden. Die kann man im Sitzen und Liegen fliegen. Okay, die bei denen man sitzt sind mit Motor und werden Trikes genannt. Also, auf dem Flugplatz von dem die Rede ist sind wir sehr oft, da Mama und mein Stiefvater trainieren. Nächstes Jahr ist nämlich die Frauenweltmeisterschaft in Frankreich. Ich kapier echt warum die nie Life übertragen wird. Ich meine niemand guckt sich stundenlang Drachen an die durch die Luft Segeln.

Der Flugplatz ist gleich bei Jüterbog, also in der Nähe von Berlin und heißt Altes Lager. Ob er wegen dem Dorf in der Nähe so heißt oder weil hier lauter Bunker aus dem Krieg stehen, die sich wirklich gut zum Lagern eignen und auch schon ziemlich alt sind, ist mir allerdings unklar. „Wo war ich vor dem Erklären stehen geblieben? Ach ja“. Mama rief mich als ich gerade von der Slagline fiel. Sie hatte eine tolle Neuigkeit für mich. Ich durfte bei meinem Stiefvater mit dem gemeinschaftlichen Trike mitfliegen, dass gerade erst fertig repariert wurde. Eigentlich beunruhigend, aber wenn man ungefähr sechs Jahre auf diesen Moment gewartet hat, stört einen das nicht, jedenfalls mich nicht. So schnell es ging zog ich mir Socken und Schuhe an. Mama schnappte sich zu meinem Entsetzen meinen Winteranorak und schon fuhren wir los. Zu der anderen Seite des Platzes, wo mein Stiefvater schon in Helm und Fliegeranzug wartete (Dieser Anzug sah aus wie ein Strampler für Babys). Mama gab mir ihren Helm (beim Fliegen setzt man Helme mit Kinnschutz auf) und dann wurde ich angeschnallt. Ich saß mit zu großen Helm und Winteranorak hinter meinem Stiefvater und strahlte Mama an. Mein Traum ging in Erfüllung, warum hatte ich dann dieses mulmige Gefühl? Lag das an dem Anorak, der für dieses Wetter viel zu heiß war? „Ich meine Hallo, ich habe schon in T-Shirt und kurzer Hose geschwitzt“. Aber Mama sagte: „Dort oben ist es sehr kalt.“

Wir fuhren mit dem Trike zur Startbahn, ließen Mama kurz ein Foto schießen und fuhren dann los. Der Sitz bebte stärker als diese komischen Massagestühle. Ich hatte keine Angst, „oder? Nein!“ Wir hoben ab. Es war ein berauschendes Gefühl als wir den Boden verließen und das Vibrieren aufhörte. Mama wurde immer kleiner. Der Flugplatz lag unter uns. Der Wind trieb mir Tränen in die Augen, meine Nase lief und mein Mund stand offen. Mein Stiefvater saß vor mir und zeigte auf eine Stadt, die man kaum sah, denn ein paar Wolken waren im Weg. Er rief: „Dort ist Wien“, und drehte nach rechts. Wie ich später herausfand, meinte er nicht Wien sondern Berlin. Ich sah einen weißen Fleck in der Landschaft. Wie ein kleiner, halber Flummi lag dort Tropicel Iland, ganze 70 Kilometer von uns entfernt. Wir waren in 599m Höhe als keine 50m vor uns ein Sportflugzeug entlang flog. Kaum zu Glauben, das nach sieben Uhr im Himmel noch Verkehr herrscht. Mein Mund war ausgetrocknet und wenn Tränen kamen trockneten sie sofort. Meine Jeans schlaggerte und ich unterdrückte das leichte Zittern, in das meine Beine vor Kälte gefallen waren. Es ging noch einmal richtig in die Höhe, von dort sahen wir eine Reiterin, kaum so groß wie eine Ameise. Wieder wurde ich durchgeschüttelt aber dafür war die Landung viel weicher als ich es erwartet hatte.

Wir fuhren zum Bunker und stellten das Trike hinein. Ich zog die Schuhe aus und setzte meine beigefarbene Capy (wie alle anderen meinten) falsch herum auf. Wir waren um 10 nach sieben Uhr gestartet und eine halbe Stunde lang mit der höchsten Höhe von 640m geflogen. Es war einer der schönsten Tage meines Lebens und ich war so glücklich, dass ich mich nicht mal darüber ärgerte, dass die Fotos nicht gerade toll geworden sind. In dieser Kurzgeschichte die einem Tagebucheintrag gleicht, wollte ich euch übermitteln wie toll das Fliegen ist und es euch empfehlen. Nur leider bin ich schriftstellerisch nicht gut genug, um euch auch nur zu einem Achtel zu übermitteln, wie toll es war und ich habe noch kein Buch gelesen, dass das Gefühl richtig beschreibt. „Und ihr könnt mir glauben, ich habe schon viele Bücher gelesen.“ Außerdem war es ein unbeschreibliches Gefühl, dort über den Wolken…

…muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.”

Lotte Dressel nach ihrem Erstflug