Direktschulung mit dem Starrflügler – von der Pike an für „Fußgänger“, als Umschulung für Gleitschirmflieger oder kurze Einweisung für Flexpiloten.

„Oft schon hat mich das majestätische Gleiten der Starren neidvoll ins Blaue schauen lassen. Wie schaffen die das nur, bei eigentlich nicht vorhandener Thermik oben zu bleiben? Warum wechseln Piloten vom Flexi auf den Starren aber nie umgekehrt? Was ist der Reiz des Starrflügels? 42 kg und mehr, eine Spannweite von über 13 m und das gefühlte Wissen: Nur erfahrene Piloten fliegen Starre, haben mich bisher abgehalten. Bis jetzt! Heute werde ich in Altes Lager einen Atos-Doppelsitzer hinterm UL steuern. In kritischen Momenten kann ich dabei auf den über mir hängenden Fluglehrer vertrauen. Die Startphase ist ungewohnt. Muss ich beim Flexiblen permanent nach rechts und links ausgleichen, liegt der Starre wie auf Schienen. Die ersten Schreckmomente über die verzögerten dann aber sehr starken Reaktionen auf Bügeldruck und -zug lasse ich nach den ersten hundert Metern hinter mir. Langsam taste ich mich an die richtige Dosierung der Basisstellung heran. Richtig genießen kann ich das Kreisen in der Thermik, großräumiger als gewohnt und mit deutlicher Rückmeldung des Steuerbügels kurz vorm Stallen. Das kenn ich so nicht, weiß es aber zu schätzen. Neben mir sinken die Flexiblen und Gleitschirme. „Mein Starrer“ dagegen nimmt noch jeden kleinen „Thermikhuster“ mit und will nicht nach unten. Den Fluglehrer über mir hab ich völlig vergessen. Gelandet bin ich fasziniert vom weiten Gleiten des Starren aber auch von dieser Art des Lernens“…(Katharina).

Starrer kontra Flexi?

Vergleicht man den Aufbau, bildet der Flexible mit seinem Alurohrrahmen und den Seilverspannungen über Trapez und Turm ein stabiles Fachwerk, über welches die flexible Tragfläche gespannt ist. Der Pilot steuert mit einigem Kraftaufwand allein durch Verlagerung seines Körperschwerpunktes. Der Starrflügel dagegen besteht aus zwei tragenden Kohlefaserholmen, die so stabil gebaut sind, dass sie die im Flug auftretenden Kräfte ohne seitliche Verspannungen aufnehmen. Größere Spannweiten sind möglich und mit der starren Tragfläche, die aerodynamisch günstiger als eine flexible Fläche ist, kann der Starrflügel bei höherer Geschwindigkeit mit besserem Gleitwinkel fliegen. Gesteuert wird er über die leichtgängigen Spoiler außen am Flügel. Der „perfekte“ Drachen also. Doch ist er für die Grundausbildung mit Fußstarts am Übungshang geeignet? Schwer wie er ist, weniger fehlerverzeihend (Anstellwinkel beim Start, Stallpunkt und Sackflugverhalten bei der Landung) und anfälliger bei Crashs (teuer und erhöhtes Verletzungsrisiko). Auch überschreitet der Starre mit DHV-Einstufung 3E die für die Ausbildung zugelassene Geräteklassifizierung 2. Um einen starren Hochleistungsflügel zu fliegen, benötigt man bisher eine abgeschlossene Flexausbildung und eine zusätzliche Einweisung für den Starrflügel. Ein weiter Weg – bis jetzt !

Mit der doppelsitzigen Ausbildungsmethode und der startartbezogenen Ausbildung im UL- und Windenschlepp haben wir ein Schulungskonzept zur Hand, mit dem die oben genannten Schwierigkeiten elegant umgangen und super Ausbildungserfolge erzielt werden. Denn grundsätzlich ist ein Starrflügel einfacher zu fliegen als ein „Flexi“. Die Steuerung erfolgt durch minimale Körperbewegung. Sie erfordert weniger Kraftaufwand und bei turbulenten Bedingungen fliegt der Starre richtungsstabiler als ein Flexi.

Für die Direktausbildung wird ein doppelsitziger AtosVX mit einem zugelassenen Bautek-Fahrwerk ausgerüstet, mit welchem Rollstarts und –landungen problemlos möglich sind. Im Delta Fly- Etagengurtzeug hängt der Flugschüler unter dem Fluglehrer. Für den Flugschüler fühlt sich das bereits an wie im Soloflug. Während der Ausbildung weist der Fluglehrer den Flugschüler auf die Besonderheiten des Starrflügels ein, dem „E“ der 3E-Klassifizierung ist damit hinreichend Genüge getan. Da die 3er-Klassifizierung mit der Bedienung der Wölbklappe zusammenhängt, werden die Wölbklappen zu Beginn der Ausbildung zunächst in einer Klappenstellung zwischen 15° – 20° zu arretieren und vom Start bis zur Landung nicht verändert. Diese Klappenstellung eignet sich sowohl zum Starten (Fuß- und Rollstarts), zum Fliegen als auch zum Landen. Es wird damit der beste Auftriebsbeiwert am Flügel erreicht und es kann relativ langsam und sicher gestartet, geflogen und gelandet werden kann.

Konkret sieht das Schulungskonzept so aus!

  • · mindestens 10 doppelsitzige Flüge des Flugschülers im UL-Schlepp zusammen mit dem Fluglehrer im Huckepack auf 700m Höhe. Der Schüler erlernt und trainiert die Flugtechnik und Landeeinteilung unter Anleitung. Ohne Risiko probiert der Flugschüler anspruchsvolle Flugmanöver, wie steilere Kurven und das Herantasten an den Strömungsabriss aus. Der Fluglehrer macht den Schüler mit der Bedienung der Wölbklappe vertraut.
  • · 10 Soloflüge im UL-Schlepp. Die ersten Soloflüge absolviert der Flugschüler in gewohnter Manier auf dem AtosVX. Hier spielt die aerodynamische Steuerung des Starrflüglers um die Längs- und Hochachse eine entscheidende Rolle. Damit sind Soloflüge auf dem doppelsitzigen Gerät ohne weiteres machbar und der Flugschüler kann auf dem gewohnten Gerät weiterfliegen. Start und Landung erfolgen in liegender Position des Schülers auf dem Fahrwerk. Per Funk wird er dabei vom Fluglehrer angeleitet und unterstützt.
  • · Für die weiteren Soloflüge steigt der Flugschüler auf den einsitzigen AtosVQ (oder zukünftig auch den Atos-Easy) mit normalen Steuerbügelrädern an der Basis um. Der Start erfolgt zunächst vom Startwagen. Zug um Zug wird nun eine stehende Landung angestrebt. Um dabei einen eventuellen Crash auf die Nase zu entschärfen, wird aus Sicherheitsgründen eine Art Nasensporn mit Kufe oder kleinem Rad an der Spitze montiert. Sind die Landungen sicher, kann er wieder abgenommen werden.
  • · Parallel zu den Flügen im UL-Schlepp werden Laufübungen am Boden mit dem leichteren, einsitzigen Atos trainiert, um den Flugschüler an das Groundhandling des Flügels sowie an das Laufen mit richtiger Führung des Anstellwinkels zu gewöhnen.
  • · 20 Soloflüge an der Winde. Damit erfolgt neben der Einweisung in die Startart UL-Schlepp auch die Einweisung in den Windenstart. In Summe hat der Flugschüler somit bereits seine geforderten 30 Höhenflüge für den A-Schein erreicht.
  • · Je nach Lernfortschritt des Flugschülers und bei günstigen Windbedingungen (leichter bis mittlerer Gegenwind) wird nun auch der Fußstart im UL- und Windenschlepp trainiert.

Im Rahmen der Höhenflüge im UL-Schlepp und/oder Windenschlepp werden die in den aktuellen Ausbildungsvorschriften beschriebenen Lerninhalte, Flugtechniken und -figuren unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Starrflüglers vermittelt. Die theoretische Ausbildung entspricht vom Umfang her den Lerneinheiten für flexible Hängegleiter. In den Fächern Technik und Flugtechnik wird speziell auf die Eigenheiten des Starrflügels eingegangen. Geplant ist, Theorieinhalte, die speziell den Starrflügel betreffen, zukünftig in den allgemeinen A-Lehrstoff für Drachenflieger aufzunehmen.

Obgleich an dieser Stelle vor allem von der doppelsitzige Schulungsmethode im UL-Schlepp die Rede ist, sei ausdrücklich betont, dass auch die konventionelle Grundausbildung auf dem Starrflügel keine Zukunftsmusik mehr ist. Seit Ende letzten Jahres wird von A-I-R mit dem „Atos-Easy“ ein sehr leichter und besonders gutmütiger Starrflügel entwickelt, der sich auch für die Schulungsmethode mit Fußstart am Übungshang hervorragend eignet. Bei der Entwicklung sind die anfänglich im Text genannten Nachteile des Starrflügels gegenüber dem Flexdrachen weitestgehend ausgemerzt. Die Starrflügelschulung wird zukünftig nicht nur auf UL-Schleppgelände beschränkt bleiben, sondern auch von Drachenflugschulen mit Übungshang auf konventionelle Weise praktiziert werden können.

Und noch ein paar Facts…

Wie beim Flexdrachen… Anders als beim Flexdrachen…
erfolgt die Scheinerteilung auf Basis einer offiziellen DHV-Prüfung. wird nach bestandener Prüfung (bzw. flugschulinterner Einweisung für Gleitschirm-Umschüler) im Luftfahrerschein eine Beschränkung ausschließlich auf Hängegleiter starrer Bauart (Starrflügel) vermerkt.
erfolgt die Erweiterung auf andere Startarten durch eine flugschulinterne Einweisung gemäß Ausbildungsvorschriften. Möchte ein Starrflügelpilot mit der Beschränkung auf Starrflügel in seinem Luftfahrerschein einen Flexdrachen fliegen, braucht er dafür eine flugschulinterne Einweisung. Die Anzahl von Flügen liegt im Ermessen des Fluglehrers.
Gelten dieselben Regelungen für Umschüler von Gleitschirm auf Starrflügel
Der Inhaber einer Hängegleiterlizenz (ohne Einschränkung), kann nach einer kurzen (theoretischen) Einweisung jederzeit auf einen Starrflügel umsteigen.

Drachenfliegen lernen direkt auf einem Starrflügel kann man mit Startart UL im Flachland, am Flugplatz Altes Lager, südlich von Berlin (www.flymagic.de) oder auch konventionell am Tegelberg (Info über www.a-i-r.de).

Aus dem Kreise „Garantiert Drachenfliegen“ sind bereits weitere Drachenflugschulen an der Direktschulung interessiert.

Text: Martin Ackermann, Katharina Dressel Fotos: Martin Ackermann, Knud Schäfer
Der Artikel ist im DHV-Info 170 Print erschienen